Die Geschichte von dem Ärztebesteck:


 

Artikel aus der Allgemeinen Zeitung vom 11.Januar 2001:

"Aus dem Dornröschenschlaf erwacht"

Neupräsentation des römischen Ärztebestecks:
Die Geschichte eines Sensationsfundes


  ct. BINGEN - Das weltweit einzigartige Binger Ärztebesteck hat einen neuen Platz gefunden. Auf Säulen im Hauptraum des Museums am Strom arrangiert, wird es erstmals nach seinem Auffinden vor über 75 Jahren so richtig gewürdigt. Aber wie kamen die Binger eigentlich an ihren Sensationsfund? Wer hat die Skalpelle, Zahnhaken, Bohrer und Seziermesser entdeckt? Was ist bekannt über den einstigen Besitzer aus der Römerzeit? Mehrere Leseranfragen ließen die AZ in Archiven stöbern.

  Bis 1925 versperrte ein Bretterzaun den Durchgang von der Cronstrasse zur Maria-Hilf-Straße. Für den Bau des Anschluss-Straßenstücks mussten die Bauarbeiter der Firma Dulcius/Choquet bis zu sechs Meter Aufschüttung abtragen. Darunter stießen sie auf ein großes römisches Gräberfeld mit etwa 120 Urnen: Einzelne kleine Grabkammern, aus Dachziegeln zusammengefügt, viele mit Grabbeigaben versehen.
Aufregend, aber noch nicht sensationell. "Römer verbrannten bis ins 3. Jahrhundert ihre Toten und setzten sie in Urnen aus Keramik bei. Sie glaubten an ein Leben im Jenseits und gaben der Asche darum Geschenke mit auf den Weg", kommentiert Karl-Maria Heidecker. Der ehemalige Leiter der chirurgischen Abteilung des Hospitals hat die Geschichte des Ärztebestecks mit Leidenschaft erforscht.
Am 6. Juni 1925 entdeckte der Straßenbauarbeiter Franz Warthemann eine besondere Ziegel-Grabkammer. Darin befand sich eine Bronze-Schüssel und in ihr die Utensilien des römischen Mediziners.
  "Das weltweit Einmalige ist die Anzahl der Besteckstücke. 67 sind weit mehr als irgendwo sonst auf der Welt gefunden oder abgebildet wurden", ordnet Heidecker ein. Das Alter der Instrumente wird auf den Beginn des 2. Jahrhunderts nach Christus geschätzt.
  Wegen einer Kobra- und einer kleinen Nilpferdfigur im Grab des Heilkundigen vermuten die Forscher einen exotischen Lebenslauf: Vielleicht hat der Mann an der damals berühmten Ausbildungsstätte in Alexandria in Ägypten seine unfallchirurgischen Kenntnisse erlernt?
  Der Name des Militäarztes ist jedoch unbekannt; wahrscheinlich war er zur Versorgung der Römertruppen im Binger Kastell abgestellt. Deren Aufgabe war der Schutz der strategisch wichtigen Nahebrücke.
  Doch erst einmal konnte gar nicht so eindeutig geklärt werden, welche merkwürdigen Gerätschaften Franz Warthemann in der Cronstraße ans Tageslicht befördert hatte. Der Binger Mediziner Doktor Kossmann identifizierte spontan Pinzetten und Skalpelle. Der Fund wurde darum einen Tag später ins Römisch-Germanische Museum nach Mainz transportiert, dort von Fachleuten gesäubert, studiert und gezeichnet.
  Dann erhielt ihn die Stadt Bingen zurück. Aber wo konnte man solch eine Rarität sicher aufbewahren? Die ersten Jahren lagerte die Kostbarkeit im Keller der Burg Klopp. Eine Notlüge gegenüber den amerikanischen Besatzern rettete später den Bingern ihren medizinischen Schatz. Dann verschwand das Werkzeug für Schädeloperationen jahrzehntelang im dunklen Tresor der Dresdner Bank. Nur wenige Male im Jahr bekamen Besuchergruppen und interessierte Staatsgäste aus Bonn das Juwel von Bingen zu sehen. Zur Neupräsentation im Historischen Museum am Strom unter Leitung von Mathias Schmandt sagte jetzt OB Collin-Langen: "Das Ärztebesteck ist aus dem Dornröschenschlaf erwacht."

Ehrung

  Übrigens wurde Franz Warthemann erst 1975, also 50 Jahre nach dem Fund, vom damaligen Bürgermeister Erich Naujack mit einem Präsent geehrt. "Eine Viertel Million Dollar hat mir ein Amerikaner dafür geboten", so wird der Ausgräber zitiert. Vor wenigen Jahren ist der ehrliche Finder gestorben. Seinen Namen finden Museumsbesucher in den Erklärungen zur Ausstellung.



 

Am nächsten Tag (12. Januar) erschien in der gleichen Zeitung noch ein Nachtrag:

Die Notlüge

Eine Notlüge gegenüber den amerikanischen Besatzern rettete später den Bingern ihren medizinischen Schatz. Dieser Satz im gestrigen AZ-Bericht "Aus dem Dornröschenschlaf erwacht" hat die 75 Jahre alte Maria Ott-Grimm zum Telefonhörer greifen lassen. "Das war mein Vater Franz Ott, aber daran erinnert sich heute niemand mehr ", erzählt sie der AZ. Die vollständige Geschichte schildert sie so: Franz Ott ist nach dem Zweiten Weltkrieg , zwischen 1945 und 1947, als freiberuflicher Dolmetscher für Englisch und Französisch bei der Stadt Bingen tätig. Eines Tages kommt ein US-Soldat auf ihn zu und fordert die Herausgabe des römischen Ärztebestecks - sozusagen als "Kriegsbeute". Die Antwort von Franz Ott ist die zitierte Notlüge: "Ach, das ist aber Pech für Sie, das Besteck hat schon ein amerikanischer Offizier mitgenommen. Den Namen weiß ich leider nicht mehr. Jeder nimmt, was er will." Und, welch ein kleines Wunder, der Soldat gibt sich damit zufrieden - das wertvolle römische Ärztebesteck bleibt in Bingen. Gleichberechtigt neben dem Finder Franz Warthemann steht der heute oft vergessene Franz Ott - der Retter des medizinischen Binger Schatzes.

DRUSUS



Aerzte-Besteck

Römisches Ärztebesteck. Quelle: aus Bingen am Rhein, Gewa-Druck
Bild vom Staatl. Amt für Vor- und Frühgeschichte Mainz


Bingen/Rhein